Selbstorganisation
Selbstorganisation verheißt dem Einen Gutes und macht dem Anderen gleichzeitig Angst. Weshalb? Als „gut“ wird zumeist die Vorstellung empfunden, dass niemand in die eigene Tätigkeit hinein regiert. Denn in sich selbst organisierenden Systemen gibt es erst einmal keinen personalisierten Chef! Selbstorganisation verheißt also einfach: Freiheit!
Angst macht die Vorstellung, ohne jede Regel einer Gruppe überlassen zu sein. Ist man da schutzlos? Und in einer Organisation wird man sich fragen: wie soll ein gutes Ergebnis zustande kommen? Und damit die Organisation und ihre Mitglieder die notwendige Sicherheit gewinnen (z.B. über Einnahmen aus dem Verkauf gelungener Dienstleistungen oder Produkte?), wenn jeder tun und lassen kann, was er will.
Bei näherem Hinsehen bedeutet Selbstorganisation allerdings nicht einfach Freiheit und vor allem nicht: Regellosigkeit. In der Natur sind sämtliche Lebewesen selbstorganisiert: als einzelne in Gestalt ihrer Gene, Zellen Organe etc., als Gruppen in Form von (temporären) Schwärmen, Rudeln etc.
Selbstorganisation auf allen Ebenen
Die Lebewesen sind als Einzelne selbstorganisiert und können es nur sein, wenn ihre „Bestandteile“ klaren Regeln folgen und sich in vorgegebene Hierarchien einordnen. Die Zelle hat bestimmte Funktionen, sie interagiert mit vielen anderen Zellen, aber es ist ein klar umrissenes Set von Funktionen und Regeln, mit deren Hilfe diese Interaktion vonstatten geht (Wechselbeziehungen, Subsysteme).

- Ein selbstorganisiertes System ,©Rainer Gräser/www.PIXELIO.de’
Gruppen von Lebewesen (z.B. Ameisen) geht es ganz genauso. Die einzelne Ameise agiert immer im Kontext der anderen Ameisen und natürlich der Umwelt. Sie reagieren nach bestimmten Regeln auf Basis ihrer körperlichen Ausstattung (z.B. Duftstoffe, Wahrnehmungsorgane etc.). Und auch hier gibt es klare Hierarchien! – Aber keinen Chef!
Noch eine Ebene höher: die Ameisen leben in einer ökologischen Umwelt und auch diese ist als Ganze selbst organisiert.
Und bei uns Menschen? Sehen wir genauer hin, leben wir in Gemeinschaften, bei denen Selbstorganisation das Grundprinzip darstellt: wirtschaftlich sind es die Märkte und als Staatengemeinschaft haben wir zwar eine UNO aber (noch) keine Weltregierung. Aber auf den Märkten und zwischen Regierungen haben wir Regelungen, um deren Ausgestaltung heftig gerungen wird.
Aus der Selbstorganisation lernen wir aber vor allem eins: Es gibt klare Regeln und Hierarchien – aber keinen zentralen Plan!
Praxisbeispiele
Eine Organisation im Bereich der Arbeitswelt zu denken, die keinem Plan folgt, fällt uns schwer. Zumindest nach innen legen wir doch alle sehr viel Wert auf einen „geplanten Aufbau und Ablauf“?! Und doch sind wir näher an der Selbstorganisation dran, als wir denken! Wir können gar nicht ohne sie!
Alle Praktiker wissen, dass ein täglicher, wöchentlicher oder gar monatlicher Plan gar nicht im einzelnen aufgestellt werden kann. Wir haben Regeln geschaffen, nach denen gearbeitet wird (oder werden soll, z.B. im Qualitätsmanagement). Im einzelnen Ablauf kommt fast immer etwas dazwischen, gibt es Abweichungen, die nicht vorherzusehen waren und darauf müssen die Menschen in einer Organisation reagieren. Der „Plan“ ist also oft genug ein „Rahmenplan“ und die Abweichungen im konkreten Tages- und Wochenverlauf regeln die Menschen selbst. Entweder ist auch dies schon bewusst einkalkuliert oder aber – wenn dauerhaft vom Regelwerk oder vom Plan Unvorhergesehenes übersehen wird – ist es die Eigeninitiative oder der mitdenkende, eigenverantwortliche Mitarbeiter, der zum Einsatz kommt.
Was in den heutigen Organisationen oft nicht stimmt, ist das Verhältnis von Regeln und Selbstorganisation. Es wird zuviel geregelt – gerade in den Organisationen. z.B. beim Zugang zu Informationen aus anderen Abteilungen oder aus Hierarchieebenen.
Wo bleibt der „Chef“?
Auch stimmt häufig die Rolle des „Chefs“ oder der Führungskraft nicht mit dem überein, was als „Führung“ tatsächlich in selbstorganisierten benötigt wird. Chefs üben ganz unterschiedliche Funktionen aus: sie geben Informationen weiter und erläutern sie, sie organisieren Abläufe, unterstützen in Fachfragen, kontrollieren Input , Ergebnisse und Regeln, unterstützen Menschen bei ihrer Arbeit und sorgen für Ressourcen. Alles dies sind Funktionen, die aber in keiner Weise mit Hierarchie, also mit Chef-Sein verknüpft sein müssen. Es sind Funktionen, die jede Zusammenarbeit benötigt. Und in vielen Organisationen werden die Funktionen auch längst von Personen mit anderen Funktionen in der Organisation wahrgenommen.
Unsere Leistungen
Was ist dann Aufgabe eines Chefs? Das erläutern wir unter dem Produkt „Führung“.
Selbstorganisation ist bewusster Bestandteil aller Konzepte, die wir anwenden oder weitergeben: die Kommunikation in Workshops, in Großgruppen, der Einsatz des Web-Tools „Wikipedia“ im Unternehmen (Unternehmenswikis) und nicht zuletzt dem Führungscoaching.



